Tagblatt: Gülle mit Pfupf – Mörschwiler Bauer versorgt 150 Haushalte mit Strom aus Biogas

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ein Artikel aus dem Tagblatt vom 23.08.2018

 

Seit 37 Jahren betreibt Andreas Boschung eine Biogasanlage in Mörschwil. Mittlerweile wirft diese gute Gewinne ab – das war aber nicht immer so.

 

Aus Gülle Strom machen – was klingt wie eine moderne Form der Alchemie, ist auf dem Hof von Andreas Boschung seit Jahren Tatsache. Bereits 1981 leistete Boschungs Vater Pionierarbeit und erbaute eine erste Biogasanlage beim Schloss Watt in Mörschwil. Obwohl diese bis 1998 keinen Gewinn abwarf, blieb sie ständig in Betrieb. «Damals deckte der eingespiesene Strom die Kosten nicht annähernd. Aus Gülle Strom zu produzieren, war aber interessant und wir konnten ausserdem die Qualität der Gülle verbessern», sagt Boschung.

Durch den Beginn der staatlichen Förderung alternativer Energiequellen vor 20 Jahren begann die Produktion, rentabel zu werden. Nun mussten Energieversorger erneuerbare Energien abnehmen und mit 15 Rappen pro Kilowattstunde vergüten. 2008 führte der Bund die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) ein. Damit eine Anlage darin aufgenommen wurde, musste sie aber auf den neusten Stand gebracht werden. «Es war nicht mehr lohnenswert so viel Geld in die alte Anlage zu investieren. Deshalb entschied ich mich zu einem Neubau», so Boschung. Das habe er vor allem gemacht, weil er bereits über Erfahrung mit einer solchen Anlage verfügte. «Ansonsten wäre mir der Aufwand wohl zu gross gewesen.»

Guter Gewinn dank viel Arbeit

Über eine Million Franken kostete die neue Biogasanlage, doch die Investition lohnte sich. «Mittlerweile entschädigt mich die KEV mit 40 Rappen pro Kilowattstunde Strom.» 24 Rappen als Grundentschädigung, 14 Rappen dafür, dass über 80 Prozent der notwendigen Ressourcen aus dem eigenen Betrieb stammen, und weitere 2 Rappen als Wärmebonus, da ein grosser Teil der Abwärme auf dem Hof genutzt wird. Bei der jährlichen Produktion von rund 600000 Kilowattstunden, von denen Boschung ausgeht, kommt einiges zusammen. «Das ist ein schöner Betrag, er ist aber mit grossem Arbeitsaufwand und Kosten verbunden. Alleine der Motor verschlingt 30000 Franken im Jahr.» Zudem benötige das Betreiben einer solchen Anlage viel Erfahrung. Kleine Änderungen in der Mischung reichen, um den Gasertrag erheblich zu schmälern.

Kleinerer Güllenanteil bringt mehr Strom

In einer Biogasanlage werden die Gase, die bei der Vergärung von Bioabfällen entstehen, zur Energiegewinnung genutzt. Boschung betreibt seine Anlage mit einer Mischung, die zu 82 Prozent aus Mist und Gülle besteht. Den Rest machen sogenannte Co-Substrate aus. Dazu gehören Rasen- und Getreideabfälle, Kaffeesatz und Glycerin. «Die Co-Substrate entstehen nicht bei uns auf dem Hof. Diese beziehen wir von Lieferanten», sagt Boschung. «Teilweise müssen wir dafür bezahlen, manchmal werden wir auch für die Abfallverwertung entschädigt.» Obwohl nur 18 Prozent der Biomasse aus Co-Substraten besteht, machen diese rund 60 Prozent der gewonnenen Energie aus. «Wenn wir den Co-Substrat-Anteil erhöhen würden, könnten wir deutlich mehr Strom produzieren. Allerdings wäre dann das Ziel, möglichst viele eigene Ressourcen zu verwenden, verfehlt.»

Mit dem produzierten Strom kann Boschung umgerechnet 150 Haushalte versorgen. Bis auf die fünf Prozent, welche die Anlage selbst benötigt, speist er den gesamten Strom ins Netz ein. Die entstandene Wärme hingegen wird zum Heizen der gesamten Schlossanlage genutzt. Dazu gehören unter anderem acht Mietwohnungen und die Heutrocknungsanlage. Selbst die Gülle kann noch als Dünger verwendet werden. Dieser sei sogar hochqualitativ, da durch den Gärprozess das Fliessverhalten der Gülle verbessert und Unkrautsamen abgetötet würden. «Dank der Vergärung in der Anlage stinkt die Gülle auch nicht mehr», sagt Boschung.

Biogas-Trend gestoppt

In der Schweiz sind aktuell 100 landwirtschaftliche Biogasanlagen in Betrieb, die bei Ökostrom Schweiz angemeldet sind. In der Umgebung sind diese allerdings schwach vertreten. Die Anlage auf Schloss Watt ist die einzige. Ob sich in Zukunft etwas daran ändern wird, ist ungewiss. Zu Jahresbeginn lief die KEV aus und wurde mit dem Energievergütungssystem (EVS) ersetzt. Darin werden aber nur noch bis 2022 neue Biogasanlagen aufgenommen. Für die Zeit danach hat der Bund bisher keine Lösung gefunden. Deshalb wurde der zeitweilige Biogas-Trend abrupt gebremst. «Rund 60 neue Biogasanlagen sind baureif oder befinden sich aktuell auf der Warteliste», sagt Andy Kollegger von Ökostrom Schweiz. «Dass diese aber ins EVS aufgenommen werden ist unwahrscheinlich.»

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